Ich will sie jetzt nicht langweilen, aber es folgten noch fünf weitere „Schatz machst du mal!“ Sätze und immer wieder machte Schatz, was den unzufriedenen Ausdruck im Gesicht seiner Frau allerdings nicht veränderte.
Ich war drauf und dran aufzuspringen, ihn zu schütteln und ihm ins Gesicht zu schreien, dass er doch nicht so ein Waschlappen sein soll. Dass sie ihn verlässt, wenn er so weitermacht, denn schließlich will sie doch bestimmt einen richtigen Mann. Und ein richtiger Mann lässt sich nicht wie ein kleiner Junge herumkommandieren. Aber in dem Moment, als ich das dachte, wurde mir bewusst, in welchen Dilemma der moderne Mann steckt.
Haben die meisten Frauen gerade die Perfektionsfalle hinter sich gelassen, ist der Mann in den letzten Jahren Stück für Stück mehr hineingeraten. Er will es Recht machen. Er will gut sein. Als Mann brillieren, der Frau gefallen, aber eigentlich seine Rolle als Beschützer und Versorger nicht aufgeben. Und in all dem hat er sich dabei irgendwie verloren. Er war Macho, dann Softie, nun hängt er irgendwo dazwischen und schaut fragend auf die Frau, was sie als nächstes verlangt. Das meine ich keineswegs despektierlich. Im Gegenteil. Ich finde, dass das eine herausragende Eigenschaft des Mannes ist. Nur glaube ich, dass sie, um in gesundem Maße gelebt zu werden, nur in Kombination mit Selbstreflektion und einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der eigenen Identität einhergeht. Und warum auch immer – das ist eine Herausforderung, der viele Männer ausweichen.
Vor kurzem gab es eine Umfrage, beauftragt vom Frauenmagazin „Bild der Frau“, in der 947 Männer im Alter von 18 bis 65 Jahren sowie 546 Frauen im selben Alter zum Thema Gleichberechtigung befragt wurden. Das Ergebnis zeigt deutlich das Dilemma der heutigen Zeit.
64 Prozent der Männer finden, dass es mit der Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland mittlerweile genug ist. Dem gegenüber stehen 66 Prozent der Frauen, die der Meinung sind, dass Männer viele Aufgaben im Haushalt und in der Familie übernehmen solllten und dass eine Gleichberechtigung noch nicht auf allen Ebenen erreicht ist. Allerdings sind 52 Prozent der Frauen auch der Meinung, dass der Mann erfolgreich im Beruf sein sollte.
Wenn ich mich umschaue, dann zeigt sich genau dieses Bild. Frauen schwanken zwischen einem tief evolutionär verwurzelten Rollenverständnis und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, Freiheit und Gleichberechtigung hin und her. Frauen probieren sich aus, sind mutig, geben oft den Ton an. Gleichzeitig wünschen sie sich einen Partner, der für sie da ist, Halt gibt, sie umwirbt, aber auch ganz pragmatisch Windeln wechselt und die Getränke nach oben bringt. Männer dagegen tun, was sie seit Jahrmillionen immer getan haben. Sie reagieren auf all das. Dabei reicht die Palette der Reaktionen von stoischer Ignoranz oder Wegschauen über dabei sein, mitmachen, sich arrangieren, es Recht machen bis hin zu: sich wehren, sich auflehnen oder aggressivem Kontrastverhalten.
Reagieren kostet aber Kraft. Und es schürt auf Dauer Unzufriedenheit.
Während sich die Frauen nach wie vor zwischen ihren Wünschen und Verantwortlichkeiten zerreiben, scheitern Männer heutzutage an den an sie gestellten Anforderungen. Nicht, weil sie sie nicht bewältigen könnten. Ich bin eher der Ansicht, dass zum einen das Bild oder die Vorgabe, die von uns Frauen und von der Gesellschaft kommt, nicht klar genug ist. Zum anderen mangelt es immer wieder an der bereits benannten Bereitschaft, sich mit sich selbst, der eigenen männlichen Identität, den eigenen Wünschen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen.
Und so pendelt der moderne Mann hin und her. Er fühle sich, als müsse er nur noch Abliefern, sagte neulich ein Freund. Er fühle sich gezwungen ständig Leistung zu zeigen. Belastbar im Job müsse er sein, Versorger, Ernährer, ambitionierter Vater, humorvoller, aufmerksamer, verständnisvoller Mann, guter Liebhaber und dann müsse auch noch alles so ausehen, als sei es von innen heraus initiert. Ich fragte ihn daraufhin, wer das denn vom ihm erwartet. „Na ich selbst.“ lautete die Antwort. „Jedenfalls glaube ich das“ fügte er relativierend hinzu.
Ich glaube eher, er weiß es gar nicht. Und trotzdem sind Männer Macher. Aber Handeln ohne das Warum dahinter zu erkennen, treibt seltsame Blüten. So nehmen Männer aus Liebe in Kauf, dass Frauen bis in die letzten Winkel ursprünglicher Männerdomänen vordringen. Sie lassen sich herablassend behandeln, ohne sich zu wehren, oder werden in ihrer Hilflosigkeit zu aggressiven Gewalttätern um mal zwei gegensätzliche Pole herauszugreifen.
Hinzu kommt ein ganz simples und doch so weit greifendes gesellschaftliches Problem. Wir leben nicht mehr in Gemeinschaften. Früher hat man seinen Frust, seine Lasten auf viele Schultern verteilen können. Heute beschränkt sich unser sozialer Radius mehr und mehr auf digitale Netzwerke, die mit Sinnsprüchen und in Geschlechterklischees verhafteten Darstellungen keine wahren Problemlöser sind. Umso mehr lastet der Druck auf der Kleinfamilie. Auf dem Mann ebenso wie auf der Frau.
Vielleicht und hoffentlich verändert sich das Bild vom Mann, der vom Mars und von der Frau, die von der Venus kommt, insofern, dass sich zukünftig beide ihrer Stärken und Schwächen bewusster sind und somit ein respektund liebevolles Miteinander auf Augenhöhe möglich ist. Dass sich der Mann anlehnen kann, ohne sich schwach zu fühlen, stark sein kann, ohne aggressiv zu werden und dass die Frau ihre weibliche Seite wieder zeigen darf, ohne zum Hausmütterchen oder zum Sexobjekt degradiert zu werden. Das wäre für beide Seiten wünschenswert.
Eine Anlaufstelle für Männer, die sich ernsthaft mit ihrer Rolle auseinandersetzen wollen, ist die international agierende Organisation Mankind Project. www.mkp-deutschland.de/
Jeannette Hagen
Autorin, Journalistin
Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 172, November 2013
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