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Seit der Auflösung der Ständegesellschaft aus Adel, kirchlichem Klerus und Bauern Mitte das 18. Jahrhunderts spielen in Deutschland die Vereine, Verbände und Zünfte eine Art Ersatzrolle. Hier ist man unter sich, teilt mindestens ein gemeinsames Interesse und in der Regel auch den Blick auf die Welt. Strukturen und Verantwortlichkeiten nach innen und außen sind klar geregelt – und werden gerne als „Vereinsmeierei“ wahrgenommen und verspottet. Das Vereinswesen beruht auf dem sogenannten Ehrenamt, das in den letzten Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen ist. Jahrelang versuchten deshalb Vereine mit Unterstützung staatlicher Institutionen aller Ebenen, den Bürgern das Ehrenamt wieder schmackhaft zu machen.
Ich bin Jahrgang 1965, Ehrenamt ist für mich eine Kindheitserinnerung. Männer rollten sonntags in Vorbereitung auf das Kreisligaspiel mit dem Kreidewagen über den Bolzplatz oder gaben den Linienrichter, natürlich ehrenamtlich. Dabei war Platzwart oder Linierichter natürlich nie ein „Amt“ im eigentlichen Sinne und das Wort „Ehre“ hätte auch damals schon niemand ernsthaft in den Mund genommen. Aber im Dorfkrug war der Platzwart ebenso bekannt und mindestens so beliebt, wie der ebenfalls ehrenamtliche Bürgermeister.
Später war der Begriff weniger gefragt. Aber es waren auch die Strukturen drumherum, die das Ehrenamt in den Hintergrund der Wahrnehmung drängten. Wenn die Stadt einen robusten Basketballkorb aus Stahl aufstellt, den Platz regelmäßig pflegt und die Anlage wartet, dann kommen Jungs und Mädchen zum Spielen. Sie brauchen dabei keinen Schiedsrichter, keine gekreideten Linien und keinen Spielplan. Das Auflösen der Vereinskultur wurde viel beklagt, ich habe es aber auch als etwas Befreiendes von verkrusteten und beengten Strukturen in Erinnerung. Wir organisierten uns selbst, fuhren Inlineskater auf Straßen und trafen uns zum Beachvolleyball am Strand, Netz und Ball in der Tasche. So funktioniert Entwicklung: Als die Menschen die Sportvereine verließen, um sich stattdessen auf der Strasse oder im Fitnesscenter zu treffen, hieß es: „Jetzt macht jeder für sich allein, im Verein gab es noch ein Miteinander – schrecklich“. In den letzten Jahren haben mobile Fitnessapps Erfolg, die für ihre Nutzer Trainingspläne erstellen und Erfolge (und Misserfolge) kontrollieren (und gegebenenfalls der Krankenkasse melden). Nun heißt es: „Jetzt macht jeder für sich allein, im Fitnesscenter und auf der Straße gab es noch ein Miteinander – schrecklich“. Immer, wenn sich etwas ändert, denken wir, diese Entwicklung wird ewig so weitergehen. Zukunft sehen wir als Fortschreibung der Vergangenheit. Der Herbst 2015 änderte dann alles.
Eine Millionen Menschen kamen auf der Flucht vor Krieg, Terror und Perspektivlosigkeit nach Deutschland. Naturgemäß interessierten sie sich weder für Fitnesscenter noch für Beachvolleyball. Sie suchten jetzt, da sie ihr nacktes Leben gerettet hatten, Orientierung. Sie brauchten Obdach, später Deutsch- und Integrationskurse und heute suchen die meisten von ihnen Wohnungen und Arbeit. Der Staat und die Kommunen haben im vergangenen Jahr viel geleistet, sind aber auch an zahlreichen Stellen völlig überfordert gewesen, nicht nur am Lageso. Jede Behörde muss zusammenbrechen, wenn plötzlich wesentlich mehr Kunden kommen, und diese auch noch ganz andere Bedarfe haben, dabei aber kein Wort Deutsch verstehen, sprechen oder schreiben. Es gibt in Deutschland nur eine Institution, die flexibel und gleichzeitig stark genug ist, auf so eine Entwicklung zu reagieren: Der Verein und seine Ehrenamtlichen.
Steglitz half, Moabit half und nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland war plötzlich in Bewegung. Der Schar an geflüchteten Menschen standen mindestens ebenso viele Helfer gegenüber, zählt man neben den Organisationen und Bündnissen die Spender von Geld, Kleidung und anderen Notwendigkeiten dazu.
Die zurückliegenden Ereignisse, an die wir uns alle aus unserer ganz eigenen Perspektive erinnern, geben uns in Deutschland nicht nur die Möglichkeit, das Ehrenamt wiederzubeleben, sondern auch, es neu zu bewerten. Denn nicht alles verlief glatt und reibungslos. Bemerkenswert und anfangs überraschend fand ich die Konfliktlinien zwischen staatlich organisierten Hilfsleistungen und Ehrenamtlichen. Denn Ehrenamt heißt ohne finanzielle Entlohnung – aber nicht ohne Gegenleistung. Zurecht erwartet der Ehrenamtliche etwas für seinen Einsatz, etwas, das mit dem Begriff „Ehre“ nur unzureichend ausgedrückt wird. Wer arbeitet und Verantwortung übernimmt, will mitbestimmen. Da ein Großteil der ehrenamtlichen Arbeit aber zunächst in den Einrichtungen stattfand, bei der Essensausgabe, der Verteilung von Sachspenden oder im Umgang mit Geflüchteten, muss der Ehrenamtliche sich hier den Regeln und Abläufen schlicht unterordnen – nicht jedem fällt das leicht. Statt „Ehre“ ist „Anerkennung“ wohl der Begriff, der die – wie ich finde berechtigte – Erwartungshaltung von Ehrenamtlichen am ehesten beschreibt.
Die Mutter aller Konflikte ist möglicherweise der Zustand im Herbst ´15 am Lageso, der nicht nur unwürdig, sondern gefährlich war. Hier erkannten Ehrenamtliche von „Moabit hilft“ die Notwendigkeit, Flüchtlinge vor offiziellen Strukturen zu beschützen und gerieten so in diese merkwürdige Zwitterposition, das LaGeSo in seiner Arbeit zu unterstützen und gleichzeitig zu bekämpfen. Die daraus zwangsläufig resultierende Haltung scheint sich in Berlin teilweise fortgesetzt zu haben, oder sie ergab sich möglicherweise aus den immer gleichen Umständen immer wieder neu. Der Betreiber einer Halle mit 400 Geflüchteten hat schlicht keine Chance, wirklich würdige Umstände herzustellen, egal wie viel Hilfe und Geld er zur Verfügung hätte. Er hat sich aber in der Regel dafür entschieden, es so gut wie möglich zu machen.
Was tun? Vereine und ihre ehrenamtlichen Kräfte sind dazu da, den offiziellen und tatsächlich oft mangelhaften Strukturen alternative Angebote zu machen. Vereine sind heute, wo Unterbringung staatlich organisiert wird, mehr denn je gefragt: Behördengänge, Wohnungssuche und Orientierung am Bildungs- und Arbeitsmarkt funktionieren nur mit persönlicher Unterstützung. Geflüchtete wollen jetzt in die Sportvereine und auf die Straßenfeste, sie interessieren sich, ein Jahr nach ihrer Ankunft, für Sport und das gesellschaftliche Leben in Deutschland. Integration findet nicht im Klassenzimmer statt, im Grunde noch nicht einmal das Erlernen unserer Sprache. Hierfür sind die Vereine die beste Basis. Junge Syrer, Afghanen und Somalier sind mindestens so verrückt nach Fußball, wie deutsche Jugendliche. Fußball ist der beste Sprachkurs. „Ey Alter, ich stand doch völlig frei!“ kann lebensnäher sein, als manche Lektion im Schulbuch. Und viele Geflüchtete spielen Sportarten, die wir bisher nur am Rande auf dem Schirm und dem Spielplan haben, Cricket zum Beispiel. Früher war es so, dass von den Kindern, die von ihren Eltern jeden Samstag zum Punktspiel gefahren wurden, sich später nicht wenige selbst engagierten. Das beste Mittel, um Helfer zu akquirieren, ist Helfen – die verspotteten Vereinsmeier wissen das längst. Die ehrenamtlichen Linienrichter, Platzwarte und Crickettrainer der kommenden Jahre werden auch afghanische Wurzeln haben und den Kindern beibringen, dass Sport immer mit einem Kreidewagen beginnt.
Oliver Schmidt
Referent der Geschäftsführung
Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ September/Oktober 2016 mit dem Leitthema „Bürgerschaftliches Engagement“
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