Jugendliche äußern sich zum Thema „Spezialisierung“ in der Jugendhilfe.

Aus dem Blog: https://www.jugendhilfe-bewegt-berlin.de/ Von Dr. Hans-Ullrich Krause.

Der Diskurs: Seit Jahren findet in der Fachöffentlichkeit ein schärfer werdender Diskurs statt über die Notwendigkeit, spezialisierte Einrichtungen oder Teileinrichtungen vorzuhalten, in welchen Kinder und Jugendliche betreut werden sollen, die durch bestimmte Verhaltensweisen auffällig geworden sind. Diese Besonderheiten beziehen sich beispielweise auf sogenannte „Schuldistanziertheit“, „sexuelles Fehlverhalten“, „Neigung zur Selbst- oder Fremdgefährdung“ usw.

Seit den 1990er-Jahren ist eine Entwicklung zu beobachten, die genau diesen scheinbaren Erfordernissen Rechnung trägt: In „normalen“ Heimen werden besondere Gruppen hierfür eingerichtet, und Fachkräfte, die im besten Falle zusätzliche Qualifikationen haben, arbeiten gezielt an den diagnostizierten Problemen. Das wird teilweise als effektive Hilfen begrüßt, teilweise aber wird es auch kritisch gesehen. Pädagogische und therapeutische Mitarbeiter_innen berichten von manchen Vorteilen, die eine solche Gestaltung mit sich bringt, andere sprechen auch von unzulässiger Stigmatisierung der Kinder und Jugendlichen oder von problematischer Konzentration auf Problemlagen, statt eine ganzheitliche Sicht auf die besagten jungen Menschen zu bewahren. Die Kontroverse unter Fachkräften ist also deutlich wahrnehmbar.

Wie aber sehen das junge Menschen selbst? Was halten sie davon, spezielle Einrichtungen für spezielle Probleme zu entwickeln und vorzuhalten?

Um einen Einblick zu erlangen, wurden in einer Jugendhilfeeinrichtung insgesamt 25 junge Menschen im Alter von 13 bis 18 Jahren befragt. Diese 25 Jugendlichen leben in drei voneinander unabhängig existierenden Wohngruppen. Alle drei Projekte sind unspezifisch, beherbergen Mädchen und Jungen und werden von vier bzw. fünf pädagogischen Fachkräften betreut. Etwa der Hälfte der Jugendlichen ließen sich besondere Auffälligkeiten zuordnen. Gewalt, Schulprobleme, Sucht usw. spielen oder spielten eine nicht zu unterschätzende Rolle in ihrem Leben. Von daher hätten sie auch in speziellen Einrichtungen untergebracht werden können. Es ist tendenziell wohl eher dem Zufall geschuldet oder dem Mangel an Spezialeinrichtungen vielleicht aber auch den einweisenden Jugendämtern, dass genau das nicht geschah. Die Jugendlichen leben in drei unterschiedlichen altersgemischten Wohnprojekten des Trägers. Die Dauer der Unterbringung der befragten Jugendlichen reichte von drei Monaten bis zu acht Jahren. 60 % von ihnen sind Mädchen.

Die Befragung
Zunächst wurde an alle Jugendlichen ein persönlicher Brief gerichtet. In diesem wurde auf die Befragung hingewiesen und diese in Zielrichtung und Ablauf erklärt. Die Jugendlichen aus allen drei Projekten signalisierten Interesse, 25 erklärten ihre Bereitschaft mitzuwirken. Mit allen drei Projekten wurden dann jeweils etwa einstündige Gesprächsrunden vereinbart. Während der Treffen wurde zunächst erklärt, was Spezialeinrichtungen sind und welche Aufgaben sie im Hinblick auf die Betreuung der dort lebenden Kinder oder/und Jugendlichen haben. So wurde besagte Spezialisierung z.B. anhand von Symptomen erklärt.

In der Folge wurden diese Dinge und sich daraus erfolgenden Fragen diskutiert. Danach wurden die Jugendlichen gebeten, auf Karten Gründe zu schreiben, die Spezialeinrichtungen als sinnvoll erscheinen lassen. Danach sollten sie wiederum Gründe notieren, die gegen solche Einrichtungen sprechen. In einem dritten Schritt wurden die Jugendlichen gebeten, auf einer weiteren Karte die Dinge zu notieren, die ihnen noch durch den Kopf gingen, die ihnen noch wichtig erschienen.

In der Regel benannten alle jungen Menschen ein bis zwei Gründe für und ebenso viele gegen Spezialeinrichtungen. Bei den freien Darstellungen wurden nicht von allen Mädchen und Jungen Karten abgegeben.

Gründe dafür
Für Spezialeinrichtungen wurden die folgenden Gründe genannt (die Gründe wurden in Varianten wiederholt und sind hier zusammengefasst. Insgesamt gab es 30 Nennungen):

 

  • Jugendlichen mit speziellen Problemen könnte dort vielleicht besser geholfen werden.
  • Fachkräfte würden dort arbeiten, die sich mit den Themen gut auskennen und die wissen, was zu tun ist.
  • Kinder und Jugendliche mit gleichen Problemen können sich besser  verstehen und unterstützen.
  • Es kann sinnvoll sein, andere zu schützen, z.B. vor sexuellen Übergriffen oder vor Gewalt.
  • Man könne gezielter und rascher an den Problemen arbeiten.

Gründe dagegen
Gegen Spezialeinrichtungen sprechen die folgenden Gründe (auch hier wurden Varianten zusammengefasst. Es gab 32 Nennungen):

  • Damit erfolgt eine Stigmatisierung der Jugendlichen.
  • Die Auffälligkeiten der jungen Menschen könnten sich eher verstärken, weil man sich gegenseitig „anstecke“.
  • Menschen könnten auf ihre Probleme reduziert werden.
  • Die Fachkräfte würden die Menschen nicht ganzheitlich betrachten, sondern nur die Probleme.
  • Man könnte sich dann genau so fühlen, wie man beschrieben wird (also als „Schulbummelant“).
  • Man würde sich vielleicht sogar so entwickeln, wie man beschrieben wird.

Insgesamt hatten die Jugendlichen also ähnliche Sichtweisen, wie das gemeinhin auch aus Diskursen von Fachkräften bekannt ist. Interessant sind in diesen Zusammenhängen die Gedanken, die die Jugendlichen weiterhin notieren sollten. Hier wird etwas anderes deutlich. So schrieben einzelne:

  • „Das braucht keiner!“
  • „Also, ich würde nicht gern in so einer Gruppe leben! Weil ich dann so bin wie andere, und ich will mein eigener Mensch sein.“
  • „Ich könnte mir nicht vorstellen, in so einer speziellen Einrichtung zu wohnen, weil ich mit Menschen zusammenleben möchte, die auch andere Probleme haben.“
  • „Man sollte niemanden nach dem, was er tut, abstempeln und in eine Schublade stecken. Man sollte die Gruppen mixen und sich um die einzelnen Jugendlichen gut kümmern, sodass sich die Jugendlichen gut fühlen.“
  • „Ich würde nicht in einer speziellen Einrichtung wohnen wollen, weil ich mich ausgegrenzt fühlen würde.“
  • „Ich finde, es ist eine schwierige Sache, weil man psychisch stabile Jugendliche in der Gruppe braucht.“
  • „Spezialeinrichtungen können Probleme lösen, aber auch große Probleme schaffen.“
  • „Ich glaube, dass Spezialeinrichtungen einen Jugendlichen praktisch ,abstempeln‘ und ihn sozusagen immer wieder daran erinnern: DU BIST EIN PROBLEM.“
  • „Drogenabhängige sollten nicht in eine normale Gruppe können – nicht das er noch andere reinzieht!“
  • „Man muss unterscheiden zwischen Sexualstraftätern und Schulschwänzern.“
  • „Auch wenn man nicht in die Schule geht oder andere Sachen macht, hat man eine Chance auf eine normale Gruppe.“

Angesichts der Fragestellung, selbst in einer solchen Einrichtung untergebracht werden zu können, zeigt sich eine deutlich kritischere Sicht. Es scheint also einen Unterschied zu geben, ob man theoretisch über diese Betreuungsform nachdenkt, oder ob man selbst davon betroffen sein könnte.

Diese persönliche, menschliche Ebene macht deutlich, dass junge Menschen nicht auf ein Problem reduziert werden wollen. Sie haben offenbar die Hoffung, dass es möglich ist, im Zusammenhang mit anderen eine Lösung des Problems zu erzielen. Oder anders formuliert: Sie haben Angst davor, über eine Problemzuweisung den Kontakt zur sozialen Normalität zu verlieren. Zum einen hat diese Befragung gezeigt, dass Jugendliche durchaus mit den Inhalten des Diskurses entweder vertraut sind, auf jeden Fall aber sicher damit umgehen können. Von daher können und müssen wir sie als kompetente Gesprächspartner_innen wahrnehmen. Das bedeutet, Fachkräfte sollten auch in dieser Hinsicht den Dialog mit den Betroffenen suchen und auch im Hinblick auf spezialisierte Hilfen Mitbestimmung ernst nehmen. Die genannten Argumente sind einleuchtend und nachvollziehbar. Sie sollten im aktuellen Diskurs zur Kenntnis genommen werden.

Dr. Hans-Ullrich Krause ist Leiter des Kinderhauses Berlin-Mark Brandenburg e.V., 1. Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Erzieherische Hilfen e.V. (IGFH) und Sprecher der IGFH-Regionalgruppe Berlin.

Der Beitrag basiert auf einen Artikel im Forum Erziehungshilfen 3/ 2013.