Oft als Stimmungsschwankung verkannt

In Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen an einer Depression. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 32 Jahren. Aber auch Kinder und Jugendliche können von einer Depression betroffen sein. Häufig wird sie zu spät erkannt.

Vor 20 Jahren noch haben Fachleute Depressionen bei Kindern ausgeschlossen. Die Diagnose Depression war für Erwachsene reserviert. Inzwischen finden Fachärzte depressive Störungen schon bei Vierjährigen. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge leiden bereits ein Prozent der Vorschulkinder und zwei bis drei Prozent der Schulkinder an depressiven Symptomen. Bei Jugendlichen sind es bereits 3 bis 10 Prozent.

Ursachen können vielfältig sein

Meist spielen mehrere Ursachen bei der Entwicklung einer kindlichen Depression zusammen. Der Verlust der Bezugsperson z.B. durch Scheidung der Eltern oder Tod eines Familienmitglieds kann zu depressiven Symptomen führen. Aber auch starke Vernachlässigung, häufiger Streit zwischen den Eltern, körperliche oder seelische Krankheit eines Elternteils, Abwertung, Misshandlung oder ein traumatisches Erlebnis können weitere Auslöser sein. Zu diesen belastenden Ereignissen kann noch eine genetische Komponente hinzukommen. Kinder, deren Eltern oder nahe Verwandte an einer Depression erkrankt waren, haben ein erhöhtes Risiko, später selbst depressiv zu werden.

Symptome sind schwer zu erkennen

Erste Symptome können bereits mit vier Jahren auftreten. Sie zu erkennen und richtig einzuordnen, ist allerdings selbst für Experten schwierig. Je nach Lebensalter unterscheiden sich die Symptome. Je älter das Kind wird, desto deutlicher treten die Symptome zu Tage. Kinder im Vorschulalter wirken traurig, sind ängstlich, leiden unter Schlafstörungen, verhalten sich teilnahmslos, haben keinen Appetit und keine Freude am Spielen. Sie klagen oft über Kopfschmerzen oder auch Bauchschmerzen. Diese Symptome zeigen sich auch bei depressiven Schulkindern. Nun können sie ihre Traurigkeit in Worte fassen. Hinzu kommt, dass sie sich nicht konzentrieren können und sich ihre Schulleistungen verschlechtern. Jugendliche bekommen aufgrund ihrer geistigen und seelischen Entwicklung immer mehr Einsicht in ihre soziale Situation und haben entsprechend ihres Alters die Möglichkeit, über sich selbst nachzudenken. Sie hegen Selbstzweifel, haben Schuldgefühle, sind lustlos, resigniert, apathisch, fügen sich Verletzungen zu und ziehen sich immer mehr zurück. Häufig zeigen sich diese depressiven Symptome bei Kindern und Jugendlichen nicht allein in einer melancholischen Grundstimmung, sondern sind hinter körperlichen Symptomen, krankhafter Unruhe oder Aggressionen verborgen.

Oft aber werden Depressionen bei Kindern und Jugendlichen nicht erkannt, denn sie werden in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen als temporäre Niedergeschlagenheit oder Pubertätswirren falsch gedeutet. Bleibt eine Depression bei Kindern und Jugendlichen unentdeckt, wächst die Gefahr, dass die Depression chronisch wird oder sich andere psychische Erkrankungen einschleichen, zum Beispiel eine Sucht oder Essstörung.

Unbedingt professionelle Hilfe suchen

Wenn Eltern depressive Symptome bei ihren Kindern wahrnehmen, sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Erste Anlaufstelle ist meist der Kinder- und Jugendarzt. Er kennt das Kind und die Familie. Er kennt auch andere Spezialisten, die weiterhelfen können. Fast alle depressiven Kinder und Jugendliche können ambulant behandelt werden. Im Vordergrund der Behandlung steht die Psychotherapie, die sowohl einzeln und in Gruppen angeboten wird. In erster Linie geht es um die Stärkung des Selbstwertgefühls, damit sollen soziale Kompetenzen wiedererlangt und vor allem die Stimmung verbessert werden. Bei jüngeren Kindern ist die Einbindung der Eltern in die Behandlung ein wichtiger Baustein. In einigen Fällen kann die Behandlung medikamentös unterstützt werden.

Wenn Betroffene nicht ernst genommen werden

Wenn depressive Kinder und Jugendliche sich jemanden anvertrauen wollen, aber nicht ernst genommen werden, keinen Ansprechpartner haben oder einfach nicht darüber sprechen wollen, gibt es die Möglichkeit, sich an eine anonyme und kostenlose Beratung im Internet zu wenden. Auf www.jugendnotmail.de steht ein professionelles Team aus 55 Psychologen und Sozialpädagogen für die Sorgen und Nöte von Kindern und Jugendlichen zur Verfügung. Die Online-Beratung ersetzt aber keine Psychotherapie. Sie vermittelt Kompetenzen, indem sie Hilfe zur Selbsthilfe anbietet.

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Stefanie Gießen
Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 170. September 2013