11178299_10152916088928871_3443563962323654767_nVom 22.-23.September 2015 findet in Bremen der diesjährige Fachtag des Verbandes für sozial-kulturelle Arbeit (VskA) statt. Der Dachverband der deutschen Nachbarschaftshäuser, Bürger- und Stadtteilzentren hat diese Veranstaltung unter das Motto „Zuflucht Stadtteil“ gestellt. Mitarbeitende aus deutschen Nachbarschafts- und Stadttteilzentren diskutieren mit Experten über Bedingungen für gelingende Integration von Flüchtlingen in den Kiezen und Sozialräumen.

In der Ausschreibung zum Fachtag auf www.stadtteilzentren.de heisst es: „Die Jahrestagung Stadtteilarbeit 2015 möchte sich den Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit von Stadtteileinrichtungen im Bereich von Flucht, Asyl und Migration zuwenden. Es soll um die Frage gehen, wie sie durch Angebote zur Stabilisierung, Vernetzung und Teilhabe, die Identifikation von Flüchtlingen mit ihrem Sozialraum und eine temporäre Integration ermöglichen können.“

Das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. ist beim Fachtag vertreten und stellt dort seine Erfahrungen in der stadtteilbezogenen Flüchtlingsarbeit in Workshops und Inputs zur Diskussion.

Eine gute zusammenfassende Beschreibung unserer Arbeit mit Geflüchteten wurde in der Frühjahrsausgabe der Zeitschrift „Rundbrief“ der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Arbeit veröffentlicht. Diesen Beitrag möchten wir nachfolgend dokumentieren und zur Diskussion stellen.

Wir freuen uns auf Ihr Feedback!

 

„Mit bürgerschaftlichem Engagement für Integration und Toleranz

Seit 1995 ist der gemeinnützige Verein Stadtteilzentrum Steglitz e.V. im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf aktiv. Gegründet unter dem Namen „Nachbarschaftsverein Lankwitz“ entwickelte sich der Verein von einer kleinen ehrenamtlichen Selbsthilfe- und Nachbarschaftsinitiative beständig weiter zu einem leistungsstarken Träger der sozialraum- und gemeinwesenorientierten Kinder- Jugend- und Familienarbeit mit rund 170 festangestellten und rund 50 freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Viele ehrenamtlich tätige unterstützen die Arbeit der Projekte und Einrichtungen – Kindertagesstätten, Schulkooperationen, Jugendfreizeiteinrichtungen, Nachbarschafts- und Seniorenzentren – auf vielfältige Weise.

Seit viele Jahren engagiert sich der Verein auch für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund vor allem in den beiden sozialen Brennpunkten des Bezirks („Thermometer- Siedlung“ und „Belß-/Lüdeckesiedlung“): Das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. ist Initiator und Moderator der „Stadtteilkonferenz Lankitz-Ost“ und des „Runden Tisches Lichterfelde-Süd“, Mitarbeitende des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. arbeiten aktiv mit im Präventionsbeirat des Bezirks und engagieren sich in weiteren Gremien.

Selbstverständlich engagiert sich der Verein auch überall dort, wo es gilt rechtsextreme Aktivitäten im Bezirk zu verhindern und zu bekämpfen. Der Verein engagierte sich u.a. gegen NPD-Pläne, einen Parteitag in einer bezirklichen Seniorenfreizeitstätte durchzuführen, engagierte sich gegen ein Treffen der rechten Organisation „Pro Deutschland“ im Rathaus Zehlendorf und intervenierte jüngst erfolgreich gegen eine Versammlung von „Pro Deutschland“ gegen eine Flüchtlingsunterkunft im Bezirk.

Seit ca. einem Jahr verzeichnet auch der Bezirk Steglitz – Zehlendorf einen verstärkten Zuzug von Flüchtlingen. Selbstverständlich engagierte sich das Stadtteilzentrum Steglitz von Anfang auch für diese neuen Nachbarn: der Verein organsierte Sachspenden (Kleidung, Spielzeug, Möbel u.a.) für die Bewohner und Bewohnerinnen der ersten beiden Flüchtlingsunterkünfte im Bezirk und war bei der Gründungveranstaltung des „Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf“ im Mai 2013 dabei.

Im Zuge der Entscheidung des Berliner Senats, sechs Containerdörfer für Flüchtlinge in Berlin einzurichten, bekam das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. den Auftrag an einem der beiden Standorte in Steglitz-Zehlendorf (Ostpreußendamm 108 in Lichterfelde – Süd) den Aufbau und die Entwicklung von Willkommensprojekten und einer Willkommenskultur zu unterstützen.

Die Eröffnung des Containerdorfes Ostpreußendamm ist für August 2015 geplant. Im Vorfeld hat das Stadtteilzentrum Steglitz bereits im Dezember zwei Anwohnerinformationsveranstaltungen durchgeführt, an denen neben Vertretern des Bezirksamtes, der Bezirks- und Landespolitik und des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) auch Mitglieder des „Beirats für Zusammenhalt“ teilnahmen (Herr Diepgen, Frau Stahmer, Herr Wieland).

Ebenfalls im Dezember wurde auf Initiative des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. eine Arbeits- / Projektgruppe ins Leben gerufen, in der sich Mitarbeitende der umliegenden Kinder-, Jugend- und Nachbarschafteinrichtungen verschiedener Träger über gemeinsame Projekte für die BewohnerInnen der zukünftigen Flüchtlingsunterkunft austauschen, gemeinsame integrative Angebote und Projekte konzeptionieren und im ersten Schritt eine gemeinsame Fortbildungseinheit für all ihre Beschäftigten entwickelt haben, in der es um die Erweiterung der interkulturellen Kompetenz in der Flüchtlingsarbeit geht. Hier sollen insbesondere auch die ehrenamtlich tätigen Mitarbeitenden angesprochen und zur Teilnahme eingeladen werden.

Für eine „Ferienschule“ für Kinder aus Flüchtlingsfamilien im Herbst 2015 sind bereits Konzepte eingereicht und Mittel bei der zuständigen Senatsverwaltung beantragt.

ee41aaeab7Vor allem Ehrenamtliche des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. waren es auch, die sich von Weihnachten 2014 an bis Ende April 2015 für 250 Flüchtlinge engagierten, die in einer bezirklichen Sporthalle in Lichterfelde notuntergebracht wurden: Die Menschen kamen aus Afghanistan, Tschetschenien, Syrien, Irak, Bosnien /Westbalkan und anderen Ländern. Das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. hat bei Bekanntwerden am 1. Weihnachtsfeiertag sofort zu Sachspenden aufgerufen – und es kamen viele Menschen, insbesondere viele Familien, und haben Kleidung, Decken und Spielzeug im Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum „KiJuNa“ des Vereins abgegeben.

Mit Ehrenamtlichen zusammen wurden diese Sachen noch am gleichen Tag direkt in der Halle an Flüchtlinge verteilt … Die Menschen waren sehr dankbar, denn sie besaßen nichts weiter als das „Handgepäck“, das sie auf ihrer Flucht dabei haben.

Unter dem Motto „#steglitzhilft“ wurde in der Folge v.a. über die sozialen Netzwerke (Facebook, Twitter, Google +) eine Hilfs- und Spendenkampagne ins Leben gerufen, die dazu führte, dass über Weihnachten und den Jahreswechsel jeden Tag Spenden an Flüchtlinge (Winterkleidung, Spielzeug für die Kinder, Hygieneartikel aller Art) ausgegeben werden konnten.

Rund 25 Ehrenamtliche kümmerten sich zudem darum Aktivitäten für die Flüchtlinge in und ausserhalb der Sporthalle anzubieten, sie in unsere Einrichtungen im Kiez zu begleiten, Begleitungen zu Behörden und bei Erledigungehn aller Art anzubieten, als Dolmetscher zu fungieren oder Deutsch zu unterrrichten.

Arbeit und Einkommen sind wichtige Vorrausetzungen für Teilhabe und Integration

Aktuell sind wir dabei in Zusammenarbeit mit unserer Partnerorganisation .garage berlin (www.garageberlin.de) drei Projekte im Bereich der beruflichen Qualifizierung und der Existenzgründung für Flüchtlinge (und ihre HelferInnen) zu konzipieren, denn Arbeit und Einkommen sind auch für Flüchtlinge ganz wesentliche Erfolgsfaktoren für eine gelingende Integration.

In einem der drei Projekte wollen wir Flüchtlinge bei der Integration in den 1. Arbeitsmarkt unterstützen.  Als Kooperationsverbund wollen wir die Kompetenzen eines gemeinnützigen Trägers der Stadtteilarbeit verbinden mit der Kompetenz und den Ressourcen eines erfahrenen (und nach AVGS durch „certqua“ und „Zertpunkt“) zertifizierten Trägers der Weiterbildungs- und Beschäftigungsarbeit (.garage berlin). Wir entwickeln Orientierungs-, Qualifizierungs- und Praktikumsmodule, die – unter Nutzung unseres großen Netzwerks von Unternehmen, Organisationen und Betrieben in den Berliner Bezirken Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg – zur beruflichen -und damit zur sozialen und gesellschaftlichen -Integration der neuen Bewohnerinnen und Bewohner unserer Stadt beitragen können.

In einem zweiten Projekt sollen dafür besonders geeignete Flüchtlinge im Prozess der Existenzgründung unterstützt werden. Seit 2006 hat sich der .garage Gründungsinkubator in der Arbeit mit Gründungen aus Arbeitslosigkeit (insbesondere ALG II) hundertfach bewährt. Das Konzept wollen wir mit Kooperationspartnern aus der Flüchtlingsarbeit für Gründungsvorhaben von Refugees anpassen und weiterentwickeln um diese von „der Pike auf“ auf eine berufliche Selbständigkeit vorzubereiten: Produkt- und Zielgruppendefinition, Konkurrenz- und Marktanalyse, Ertragsvorschau und Businessplan, Marketing und Vertrieb, Recht und Steuern: In dem sechsmonatigen Gründungsinkubator sollen die Flüchtlinge alles lernen, was man für eine erfolgreiche Gründung in Deutschland wissen muss.

Mit dem Projekt „Fluchthelfer“ wollen wir darüber hinaus Menschen passgenau qualifizieren, die sich beruflich für Flüchtlinge engagieren wollen.

Die von der .garage ausgebildeten „Fluchthelfer“ bieten den Betreibern der Unterkünfte eine angemessene und finanzierbare Möglichkeit, fachlich versiertes Personal in den Unterkünften einzusetzen:

  • Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagogen/innen sind teuer und i.d.R. zu „breit“ qualifiziert…. Ihr Einsatz / Beschäftigung ist nicht im erforderlichen Umfang finanzierbar;
  • wir qualifizieren „Sozialassistenten“, pädagogische Hilfskräfte, engagierte und interessierte Quereinsteiger und Berufsrückkehrer speziell in allen Fragen rund um das Thema „Begleitung und Unterstützung von Flüchtlingen“. Diese Mitarbeiter/innen haben nach ihrer Ausbildung Expertenwissen für den speziellen Einsatz in Not- und Gemeinschaftsunterkünften.
  • durch die intensive und individuelle Begleitung der Flüchtlinge durch unsere „Fluchthelfer“ verläuft der Integrations- und Teilhabeprozess wahrscheinlich erfolgreicher. Insbesondere durch die Unterstützung bei der Aufnahme von Arbeits- / Beschäftigungsmöglichkeiten und Unterstützung bei der Suche nach dauerhaften (preisgünstigeren) Wohnmöglichkeiten verhelfen wir den Flüchtlingen zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit; die „gesellschaftlichen Kosten“ sinken.“