Ein Beitrag der Schulgemeinschaft des Hermann-Ehlers-Gymnasiums

Nach aktuellem Stand der Ermittlungen kam es am Abend des 25. Juli 2026 im Berliner Tiergarten, nahe dem Brandenburger Tor, zu einem Anschlag im Umfeld des Christopher Street Day (CSD). Ein 21-jähriger Mann fuhr mit einem Van in eine Menschenmenge und griff anschließend weitere Menschen mit einer Machete an, bevor er floh. Eine Frau starb, 31 Menschen wurden teils schwer verletzt. Der Täter wurde einen Tag später bei einem Polizeieinsatz erschossen. Die Ermittlungen übernahm die Bundesanwaltschaft, die Behörden gehen von einem islamistisch motivierten Anschlag aus.

Der CSD steht seit jeher für Sichtbarkeit, Freude und das Recht, offen zu leben, wer man ist. Genau dieses Fest wurde zum Ziel von Gewalt. Die Schulgemeinschaft des Hermann-Ehlers-Gymnasiums nimmt diesen Anschlag zum Anlass, um über Solidarität, Toleranz und den Umgang miteinander zu sprechen, nicht nur heute, sondern im Alltag.

 

Woher kommt der CSD eigentlich?

Der Christopher Street Day geht auf die Nacht zum 28. Juni 1969 in New York zurück. Damals führte die Polizei eine Razzia im Stonewall Inn durch, einer Bar in der Christopher Street, die ein wichtiger Treffpunkt für schwule, lesbische und trans Menschen war. Solche Razzien waren zu dieser Zeit üblich, gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen waren in vielen US-Bundesstaaten strafbar. Es kam zu mehrtägigen Protesten der Gäste und Anwohner*innen gegen die Polizeigewalt. Proteste gegen Polizeigewalt und Diskriminierung queerer Menschen hatte es auch schon vorher in den USA gegeben, doch Stonewall wurde zu einem wichtigen Wendepunkt und bis heute zu einem zentralen Symbol der LGBTQ+-Bewegung. Ein Jahr später fand in New York die erste Demonstration zum Jahrestag statt, sie gilt als Geburtsstunde der weltweiten Pride-Bewegung.

In Deutschland fanden 1979 die ersten CSDs statt, unter anderem in Berlin und Bremen. In Berlin nahmen rund 450 Menschen teil. Damals ging es vor allem darum, Homosexualität sichtbar zu machen und den umstrittenen Paragrafen 175 abzuschaffen, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Er wurde bereits 1969 in Westdeutschland deutlich entschärft und erst 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Heute, fast 60 Jahre nach den Protesten von 1969, ziehen beim Berliner CSD mehrere Hunderttausend Menschen mit. Der CSD ist also kein reines Fest, er ist aus Protesten gegen Gewalt und Ausgrenzung entstanden und erinnert bis heute daran, dass Sichtbarkeit und Gleichberechtigung für queere Menschen keine Selbstverständlichkeit sind.

Und diese Erinnerung bleibt notwendig. Viele queere Menschen erleben Diskriminierung, Beleidigungen und körperliche Gewalt im Alltag, auch in Deutschland, und CSDs selbst werden immer wieder gestört oder angegriffen, wie der Anschlag in Berlin zeigt. In weiten Teilen der Welt ist die Lage noch drastischer: Nach Angaben von ILGA World, einem internationalen Dachverband für LGBTIQ-Organisationen, stellen rund 65 Staaten weltweit gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Strafe, in mehreren Ländern kann darauf sogar die Todesstrafe stehen. [4] Sich dort als queer zu outen bedeutet nicht nur soziale Ausgrenzung, es kann lebensgefährlich sein. Vor diesem Hintergrund ist der CSD kein beliebiges Fest, sondern für viele Menschen ein Ort, an dem Sichtbarkeit überhaupt erst möglich wird, ohne Angst um die eigene Sicherheit.

Die Pride-Flagge, ein Symbol mit Bedeutung

Eine heute häufig verwendete Variante ist die sogenannte Progress Pride Flag in ihrer intersex-inklusiven Form. Sie baut auf der klassischen Regenbogenflagge auf, die auch heute noch weit verbreitet ist, und ergänzt sie um weitere Elemente. Ursprünglich entwarf Daniel Quasar 2018 die Progress Pride Flag, 2021 erweiterte Valentino Vecchietti sie um den Intersex-Kreis zur heutigen, intersex-inklusiven Version:

  • Die sechs Regenbogenfarben (Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett) stehen für die Vielfalt der LGBTQ-Community insgesamt, entworfen ursprünglich 1978 von Gilbert Baker.
  • Hellblau, Rosa und Weiß stammen aus der Transgender-Flagge und stehen für trans Menschen.
  • Braun und Schwarz stehen für queere People of Color. Schwarz erinnert außerdem an Menschen, die mit HIV/AIDS leben oder daran gestorben sind.
  • Das gelbe Dreieck mit violettem Kreis steht für intersexuelle Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig weiblich oder männlich zugeordnet werden können.
  • Die Pfeilform am linken Rand symbolisiert Fortschritt: Die Bewegung nach rechts steht für den Weg hin zu mehr Akzeptanz, der aber noch nicht abgeschlossen ist.

Die Flagge macht damit sichtbar, dass die queere Community selbst sehr vielfältig ist und dass Sichtbarkeit für manche Gruppen innerhalb dieser Community erst in den letzten Jahren stärker eingefordert wurde.

Solidarität und Toleranz, wo liegt der Unterschied?

Toleranz bedeutet, andere Lebensweisen, Meinungen oder Überzeugungen zu akzeptieren, auch wenn sie von den eigenen abweichen, solange sie niemandem schaden. Der Begriff kommt vom lateinischen Wort „tolerare“, zu Deutsch „ertragen“ oder „dulden“. Toleranz heißt zunächst: etwas gelten lassen, auch wenn man es selbst anders sieht oder lebt.

Solidarität geht einen Schritt weiter. Sie bedeutet, sich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen und aktiv für sie einzustehen, auch wenn man selbst nicht direkt betroffen ist. Es geht darum, in schwierigen Situationen zusammenzuhalten und sich gemeinsam gegen Unrecht einzusetzen, statt wegzuschauen. Man kann tolerant sein, ohne solidarisch zu sein, etwa wenn man zwar nichts gegen queere Menschen hat, sich aber nicht meldet, wenn sie beleidigt werden. Nach einem Anschlag wie diesem reicht bloße Toleranz nicht aus. Gefragt ist Solidarität: sichtbar und aktiv an der Seite derer zu stehen, die angegriffen wurden.

Ein Täter steht nicht für eine ganze Gruppe

Nach solchen Taten passiert oft etwas Gefährliches: Menschen machen eine ganze Religion oder Bevölkerungsgruppe für die Tat eines Einzelnen verantwortlich. Genau davor haben sowohl der LSVD+ (Verband Queere Vielfalt) als auch muslimische Verbände in Deutschland ausdrücklich gewarnt.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) verurteilte den Anschlag in einer Pressemitteilung vom 27. Juli 2026 und erklärte, der Schutz menschlichen Lebens gehöre zu den grundlegenden Prinzipien des Islam, Gewalt gegen Unschuldige finde dort keine Rechtfertigung. [1] Auch der Moscheeverband Ditib und der Verband Islamische Gemeinschaft Milli Görüs verurteilten die Tat. [2] Der LSVD+ erklärte in einer Stellungnahme, man dürfe nicht zulassen, dass rechtspopulistische und rechtsradikale Kräfte den Anschlag missbrauchen, um rassistischen Hass zu schüren, und forderte stattdessen Gewaltprävention und wirksamen Schutz für die queere Community. [3]

Solidarität bedeutet deshalb hier zweierlei: an der Seite der queeren Community zu stehen, die angegriffen wurde, und gleichzeitig nicht zuzulassen, dass eine ganze Religion oder Herkunftsgruppe unter Generalverdacht gestellt wird. Beides gehört zusammen.

Wie versuchen extremistische Gruppen, junge Menschen zu erreichen?

Forschung zur Radikalisierungsprävention, etwa der Bundeszentrale für politische Bildung, zeigt: Extremistische Gruppen sprechen gezielt junge Menschen an, häufig Jugendliche und junge Erwachsene, unabhängig davon, ob es sich um islamistischen oder rechtsextremen Extremismus handelt. [5] Sie nutzen dabei gezielt soziale Medien und knüpfen an Bedürfnisse an, die in der Jugend eine besondere Rolle spielen, etwa die Suche nach Orientierung, Zugehörigkeit und einem Platz in der Gesellschaft. Extremistische Akteure bieten scheinbar einfache Antworten und ein starkes Wir-Gefühl an, um junge Menschen für sich zu gewinnen. Das erklärt eine Tat nicht und entschuldigt sie nicht, es hilft aber zu verstehen, mit welchen Strategien extremistische Gruppen arbeiten, und warum Präventionsarbeit gerade an Schulen so wichtig ist.

Was das für die Schulgemeinschaft des Hermann-Ehlers-Gymnasiums bedeutet

Die Schulgemeinschaft steht für einen Ort, an dem sich alle Schüler*innen sicher zeigen können, wer sie sind, unabhängig von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion oder Herkunft. Dazu gehört:

  • Zuhören, wenn queere Mitschüler*innen von Angst oder Ausgrenzung erzählen.
  • Nicht wegschauen, wenn jemand wegen seiner sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität beleidigt wird.
  • Nicht zulassen, dass Muslim*innen pauschal für die Tat eines Einzelnen verantwortlich gemacht werden.
  • Aufmerksam sein und das Gespräch suchen, wenn sich jemand im Umfeld zunehmend radikalen Ansichten zuwendet.

Wer sich nach dem Anschlag verunsichert fühlt, sei es als queere Person, sei es aus Sorge vor Vorurteilen gegen Muslim*innen, oder aus einem anderen Grund, kann sich jederzeit an die Schulsozialarbeit oder an Vertrauenslehrkräfte der Schule wenden. Auch stehen alle Einrichtungen des Stadtteilzentrum Steglitz verunsicherten Menschen zur Seite.

Schluss

Von den Protesten in New York 1969 bis in die Gegenwart zeigt sich: Sichtbarkeit und Gleichberechtigung für queere Menschen mussten immer wieder erkämpft und verteidigt werden. Genau deshalb bleibt Solidarität keine einmalige Reaktion auf einen Anschlag, sondern eine dauerhafte Haltung, im Alltag, an unserer Schule und darüber hinaus.

Nii-Agoe Mensah

Wir bedanken uns bei der Schulgemeinschaft des Hermann-Ehlers-Gymnasiums und unserem Kollegen Nii-Agoe Mensah, dass wir diesen Beitrag weitergeben dürfen, dessen Haltung wir ohne Einschränkung mittragen.

 

Wir gehen davon aus, dass wir die Welt verändern können.

 

Titelfoto: Die Kongresshalle ist seit 1989 Sitz der Kulturorganisation “Haus der Kulturen der Welt”. Sie ist Ausstellungsort internationaler und zeitgenössischer Kunst und Veranstaltungs- und Diskussionsforum. Ein besonderer Ort für Menschen jeglicher Nationalität, Religion und Haltung.


 Quellenverzeichnis

  1. Zentralrat der Muslime in Deutschland: Pressemitteilung „Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin“, 27.07.2026, zentralrat.de/36017.php; siehe auch tagesspiegel.de, 27.07.2026
  2. evangelisch.de: „Islamverbände verurteilen Anschlag auf CSD und mahnen zu Zusammenhalt“, 27.07.2026
  3. LSVD+ – Verband Queere Vielfalt: „Konsequenzen nach Terroranschlag auf Berliner CSD“, lsvd.de, 27.07.2026
  4. ILGA World: Bericht zu staatlich geförderter Homophobie 2026, zitiert nach schwulissimo.de, „Ein Drittel der Welt verbietet Homosexualität!“
  5. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de): Infodienst Radikalisierungsprävention
  6. Polizei/Staatsanwaltschaft Berlin: gemeinsame Pressemitteilung Nr. 0905, 26.07.2026
  7. Weitere Presseberichte: taz.de, t-online.de, sonntagsblatt.de (Stand jeweils Juli/August 2026)