Nachbarschaftshäuser sind systemrelevant

In der Corona-Krise kommen diejenigen in den Blick, welche das große Ganze, unser System, unser Zusammenleben, ganz alltäglich am Laufen halten, organisieren und voranbringen, ganz anders als damals in der Finanzkrise, als die Akteure sich selber übernahmen, vergaßen, dass sie Teil eines großen Ganzen sind und alle in Gefahr brachten.

Im März 2020 wurde das Verständnis von kritischer Infrastruktur erweitert. Klassischerweise umfasst dieser Begriff Tätigkeiten und Geräte, die es für Licht, Wärme, Wasser, Essen, Kommunikation, Gesundheit, Bezahlen und Mobilität braucht. Neu hinzu traten nun Pflege und professionelle Kinderbetreuung.

Und dann kam die Nachbarschaft in den Fokus der Aufmerksamkeit: Auf einmal sind alle und nicht mehr nur Senior*innen und Mütter und Väter, die Kinder betreuen, auf den Nahraum zurückgeworfen, auf die „Pantoffelentfernung“, wie es in der Sozialen Arbeit oft heißt. Vieles in Nachbarschaften läuft selbstorganisiert und braucht keine professionelle Begleitung oder Unterstützung. Auch zu Corona-Zeiten, im Lockdown im Frühjahr und danach zeigte sich das. Viele Nachbarschaften und private Netze funktionierten, boten Gemeinschaft und Hilfe, wo sie von Nöten waren.

An vielen Stellen und für viele Menschen braucht es aber mehr als das. Soziales, kulturelles und zivilgesellschaftliches Engagement ist kein Nice-To-Have, sondern unverzichtbar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für demokratisches Zusammenleben und um soziale Notlagen und soziale Isolation zu verhindern oder zu lindern. Und das ist die Domäne der Nachbarschaftsarbeit.

Die Sozialarbeiter*innen in den Nachbarschaftshäusern – wie sie auch zum Stadtteilzentrum Steglitz e.V. gehören – stellen eine Infrastruktur zur Verfügung, die sowohl Hilfe bei existentiellen Notlagen ermöglicht als auch das alltägliches Zusammensein, Begegnung jenseits von Familien, Beruf und Freundeskreis.

Begegnung und Engagement sind grundlegend für demokratisches Zusammenleben, Miteinander reden, diskutieren und Kompromisse finden setzt voraus, Menschen in Lebenssituationen zu kennen und mit ihnen zu sprechen. Nachbarschaftsarbeit ermöglicht, die Erfahrungen anderer zu hören und die eigenen zu erzählen.

Zudem führt Gemeinschaft – auch über die eigene soziale Gruppe hinweg, generationen-, kultur- und milieuübergreifend – zu Zugehörigkeit. Demokratisches Zusammenleben braucht Zugehörigkeit, denn nur wenn ich mich zu einer Gesellschaft zugehörig fühle, dann interessiere ich mich auch für sie, fühle mich verantwortlich, will mitgestalten.

Nachbarschaftsarbeit ermöglicht Debatten und Diskurse, wirkt mit an der Gestaltung des öffentlichen Raums und aktiviert Menschen, ihre Themen zu setzen, Veränderung anzustoßen und ihr eigenes Umfeld zu gestalten. In Nachbarschaftshäusern sind die hierfür notwendigen Ressourcen, Kontakte, Wissen, Methoden und Räume vorhanden.

Dieses zivilgesellschaftliche Miteinander ermöglicht es auch in Corona-Zeiten, phantasievoll, verantwortlich und innovativ mit den Einschränkungen umzugehen. Es gelingt weiterhin, Begegnung und Unterstützung zu organisieren – in vielen verschiedenen Formen. Einiges wird unverändert fortgeführt, andere Gruppen und Kurse treffen sich online und viele neue Aktivitäten kommen hinzu. Gesprächsangebote über den Gartenzaun, beim Spaziergang, online oder am Telefon werden von vielen Nachbarschaftshäusern ausgebaut und von Nachbar*innen gestaltet. Und der Blick vieler geht gerade auch zu den Menschen in den Nachbarschaften, die ganz besonders unter den Einschränkungen leiden.

Nachbarschaftsarbeit beweist dabei einen langen Atem. Überstiegen im ersten Lockdown im Frühjahr die angebotenen Nachbarschaftshilfen zum Einkaufen und Gassigehen bei weitem den Bedarf, ist es jetzt im Herbst still darum geworden, haben viele Vermittlungsplattformen ihr Angebot eingestellt. Doch in den Nachbarschaftshäusern läuft die Koordination von Nachbarschaftshilfen weiter, denn es gibt Menschen, die Hilfe brauchen, nicht so viele wie gedacht und vielleicht auch öfter für ein Gespräch als für den Einkauf, aber es gibt sie.

Und auch klassische soziale Hilfsangebote der Sozialarbeit wie Beratung und Familienbildung sind Teil von Nachbarschaftsarbeit und werden auch im Lockdown fortgeführt, um soziale Notlagen und Isolation zu vermeiden.

Nachbarschaftshäuser und ihre Mitarbeiter*innen bilden die professionelle Infrastruktur der Nachbarschaftsarbeit, die alltäglich sozialen Zusammenhalt ermöglicht und damit eine relevante Grundlage für unser System bildet.

Barbara Rehbehn, 

Geschäftsführerin VskA ,
Fachverband für Nachbarschaftsarbeit

Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V. – Bundesverband
Tucholskystraße 11, 10117 Berlin

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Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ 1.2020 mit dem Leitthema „Systemrelevant“
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