Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mit meinen fast 58 Jahren – in Berlin geboren und sozialisiert – gehöre ich wohl zur Kategorie „alter weißer Mann“. Männer meiner Generation (und die noch älteren sowieso) sind mit einem ziemlich einfachen Weltbild erzogen worden und groß geworden: Männer suchen sich Frauen, Frauen freuen sich, wenn sie einen Mann gefunden haben. Sie heiraten, bekommen Kinder, werden Großeltern. Und das alles wiederholt sich immer und immer wieder – bis ans Ende aller Tage. Erst spät habe ich gelernt, dass diese „hetero-normative Prägung“ und die daraus folgende Sicht auf die Geschlechterwelt dazu führt, dass ich viele andere Aspekte der Wirklichkeit nicht wirklich wahrnehme. Zwar gab es auch in meiner Schulzeit schon schwule Lehrer und ich fand es befremdlich, dass ein toller Lehrer deshalb ein Berufsverbot bekam. Aber ich fand’s als junger Jugendlicher auch irgendwie normal – schließlich war Homosexualität zu diesem Zeitpunkt (und noch bis Juni 1994) nach § 175 Strafgesetzbuch verboten. Alle Formen der Sexualität mit Ausnahme der „normalen“ Heterosexualität waren verboten. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gab es offiziell nicht, sie spielte sich im Verborgenen ab. Schwule oder lesbische Menschen, Bisexuelle und Menschen mit trans*Identität mussten sich verstecken und furchtbare Doppelleben führen, wenn sie dem Risiko entkommen wollten, „aufzufliegen“ und damit ihre Existenz zu gefährden.

Zum Glück ist das jetzt – im Jahr 2020 – anders. Menschen dürfen sich zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen, dürfen selbstbestimmt ihre sexuelle und geschlechtliche Identität leben. Das ist nicht der Verdienst alter weißer Männer (und Frauen), sondern dafür haben Menschen überall auf der Welt gekämpft und gearbeitet. Beharrlich und zum Teil unter Inkaufnahme großer persönlicher und existenzieller Risiken. Und auch heute noch ist in vielen Teilen der Welt nicht selbstverständlich, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Leben selbstbestimmt zu leben. Nur wenige Kilometer von Berlin entfernt, in Polen, können wir sehr anschaulich beobachten, mit welcher Macht Konservative und katholische Kirche gegen das Menschenrecht der sexuellen und geschlechtlichen Selbstbestimmung agieren.

Titelseite Magazin "Im Mittelpunkt" - Unter dem RegenbogenWir können es besser machen. Besser als unsere Väter und Mütter, besser als unsere Nachbarn in Europa und anderen Teilen der Welt. Wir können anfangen, uns für dieses Thema zu interessieren, uns selbst zu sensibilisieren. Wir können anfangen andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Auch wenn uns das „andere“ manchmal noch fremd und unbekannt ist. Und diese Sensibilität und Wertschätzung für die Vielfalt im Leben fängt mit der Sprache an. Versuchen Sie doch ab heute mal, Ihre Worte stets so zu wählen, dass alle Geschlechter eingeschlossen sind (und nicht nur „mitgemeint“ sind, wenn wir beharrlich nur die männliche Form benutzen). Ich bin dabei, es zu lernen und mir anzugewöhnen, und ich stelle fest, dass es zwar ungewohnt ist, aber von Tag zu Tag leichter wird. Unsere Sprache verändert unsere Gedanken (und umgekehrt), die Gedanken bestimmen unsere Handlungen und damit unsere Realität und die Realität der anderen Menschen um uns herum. Probieren Sie es aus!

In dieser Ausgabe unseres Magazins gibts einiges zu lernen. „Unter dem Regenbogen“ gibt es so wahnsinnig vielfältige Möglichkeiten. Einige dieser Möglichkeiten lernen Sie in dieser Ausgabe kennen. Und vielleicht geht es Ihnen beim Lesen genau wie mir: Ich freue mich, dass immer mehr Menschen sich auf den Weg machen, das zu werden, was sind. Ohne Rücksicht auf überkommene Normen und Rollenerwartungen angetrieben von einer unstillbaren Sehnsucht nach Leben und Freiheit. Als „alter weißer Mann“ verneige ich mich vor all den mutigen Menschen, die uns zeigen, dass das Leben viel bunter ist, als man uns lange einreden wollte, und freue mich, jeden Tag wieder etwas über diese Dinge lernen zu dürfen.

Ich wünsche Ihnen viele neue Erkenntnisse beim Lesen dieses Magazins – und freue mich auf Ihre Rückmeldungen und Eindrücke.

Bunte Grüße von Haus zu Haus!

Thomas Mampel

Geschäftsführung –
Stadtteilzentrum Steglitz e.V.


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