Die unbegleiteten Begleiteten

16. Februar 2017 | Von | Kategorie: Im Fokus, Leitartikel

Über die Rolle von Eltern im Kontext von unbegleiteten, geflüchteten Minderjährigen

Unabhängig davon wie die persönliche Einstellung zu den eigenen Eltern auch sein mag, wird wohl kaum jemand anzweifeln, dass Eltern die Entwicklung eines Kindes maßgeblich und auch die eines Jugendlichen und letztlich die eines erwachsenen Menschen prägen und beeinflussen.

Besonders schmerzlich wird einem die Bedeutung von Eltern bewusst, wenn man mit jenen Menschen zusammenarbeitet, die kaum oder gar keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern haben und bei denen eine Zusammenführung aufgrund der aktuellen politischen Situation in Deutschland und ihrem Heimatland nur schwer oder wohl nie möglich sein wird. Unabhängig davon ob ein Mensch nun 16, 29 oder 42 Jahre alt ist, bleiben Eltern letztlich immer Eltern, eine Rolle mit einer solchen Tragweite im Leben eines Menschen, dass diese nur sehr selten von anderen Menschen übernommen werden kann. (Anmerk.:  Meine Erfahrungen im folgenden Text beziehen sich ausschließlich auf die Arbeit mit geflüchteten Jungen bzw. jungen Männern, da wir in unserer Einrichtung keinerlei Mädchen oder Frauen betreuen und ich mich in diesem Artikel ausschließlich auf meine eigenen Erfahrungen aus meiner täglichen Arbeit stützen möchte.)

Ich werde oft gefragt: „Sind die wirklich den ganzen weiten Weg alleine gekommen? Ohne ihre Eltern?“  Ja und nein.

Ich wundere mich bei so einer Frage jedes Mal, wer genau DIE eigentlich sein sollen. Jeder Junge, der zu uns kommt, bringt seine eigene Geschichte mit, seine individuellen Erfahrungen, sieht die Welt auf seine Art und Weise. Manche sind tatsächlich alleine den ganzen weiten Weg nach Deutschland gekommen. Manche kommen durchaus in Begleitung von einer Tante, einem Onkel oder einem Bruder nach Deutschland, werden aber dennoch in Obhut genommen, da ihr gesetzlicher Vormund in Form eines Elternteils nicht in Deutschland ist und so erst einmal die Zuständigkeit für den Jugendlichen geklärt werden muss.

Manche Jungen sind einen Teil ihres Weges mit ihren Familien gereist, mussten dann aber aus verschiedenen Gründen alleine weiterreisen und die Eltern und Geschwister zurücklassen. Manche haben einen Elternteil oder einen nahe stehenden Verwandten auf der Flucht oder bereits in ihrem Heimatland durch Gewalt, Erkrankung oder einen Unfall verloren, viele der Jungen waren sogar anwesend und mussten diesen Verlust mitansehen. Ein paar andere Jungen sind bereits in ihrem Herkunftsland schon ohne Mutter oder Vater aufgewachsen.

Auf diese Frage kann es also keine Standardantwort geben, letztlich kann man sagen, dass egal wie die Jungen auch genau hierher gekommen sein mögen, sie aktuell ohne ihre Eltern in Deutschland sind. Diese Leere, dieses Vakuum, das der Verlust bzw. das Fehlen einer uns nahestehenden Person auslöst, ist auch für Erwachsene oft nur schwer auszuhalten. Für Heranwachsende bedeutet es jedoch neben den starken Emotionen von Traurigkeit, Trauer und Sehnsucht auch ein konstantes Gefühl der Überforderung. Von jetzt auf gleich wird ein Maß an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gefordert, zu dem viele der Jungen einfach noch nicht bereit sind. Hinzu kommt das Zurechtfinden und Orientieren in einer völlig fremden Welt, auf einer unbekannten Sprache und mit Menschen, die in vielen Situationen eine ganz andere Sichtweise haben als die Gesellschaft, aus der die Jungen kommen. Gerade in einer solchen Situation wären die Eltern die wohl wichtigsten Bezugspersonen, eine Art Kompass und Sicherheitsnetz, um sich in dieser unbekannten Welt zurechtzufinden. Eltern sagen einem in der Regel gerade dann, wenn man es am wenigsten hören möchte, vielleicht aber am meisten hören muss, was sie von dem Verhalten ihrer Kinder denken und was ihnen Sorge bereitet.

So sehr Jugendliche zwar auf der einen Seite die Abnabelung von ihren Eltern brauchen, um ihre eigene Persönlichkeit definieren zu können, genauso brauchen sie das Gefühl, dass wenn etwas passieren sollte, das sie gänzlich überfordert, ihre Eltern da sind und sie unterstützen. Eltern sind für Heranwachsende auch eine Art emotionaler und sozialer Kompass, auf den man sich verlassen kann. Dinge, auf die Mama und Papa zwar genervt, aber nicht wütend reagieren, sind vielleicht nicht so ganz in Ordnung, die Welt geht aber auch nicht unter, wenn man sich als Jugendlicher nicht wirklich an diese Vorgaben hält. Situationen, in denen man seine Eltern wirklich wütend, fast schlimmer noch entsetzt und enttäuscht vom Verhalten des eigenen Kindes erlebt, sind oft die Momente, an die man sich auch Jahrzehnte später noch mit einem komischen Gefühl im Bauch erinnern kann. Eltern sind auch ein Sicherheitsnetz, das einen hält, wenn alle anderen sich von einem abwenden und man alleine nicht weiterkommt. Auch wenn Heranwachsende es oft nicht zugeben möchten, brauchen sie ihre Eltern fast genauso sehr, wie sie sie als Kinder gebraucht haben.

Und auch wenn die unbegleiteten Minderjährigen bei uns angestrengt versuchen, diesen engen Kontakt mit ihren Eltern auf irgendeine Art und Weise aufrechtzuhalten, stellt auch diese Erfahrung nicht selten eine große Belastung für sie dar.

Manche Jungen haben jeden Tag mindestens 1 Mal Kontakt mit ihren Eltern in ihrem Heimatland, ein paar wiederum haben seit Monaten kein Lebenszeichen von ihrer Familie erhalten. Nach Gesprächen mit der Familie sind die Jungen manchmal überglücklich und erleichtert, dass sie sich davon überzeugen konnten, dass es ihrer Familie den Umständen entsprechend zumindest halbwegs gut geht und sie wieder Kontakt zu ihnen haben können. Doch leider ist ein Gespräch mit den Eltern auch einer der häufigsten Gründe für schlaflose Nächte voller Angst und Panik, um die Zurückgelassenen und Tage voller Schuldgefühle, den eigenen Eltern in ihrer misslichen Lage nicht helfen zu können.

Die Frage nach den Eltern, wie sie bei Schulanmeldungen, Behördengängen, o.ä. in Deutschland oft ganz nebenbei gestellt wird, ist bei unbegleiteten Jugendlichen nicht selten ein Grund für den dringenden Wunsch, sofort den Raum verlassen zu können und sich dieser Thematik zu entziehen. Es ist mit Sicherheit ein eher heikles Thema für so ziemlich alle von uns betreuten Jugendlichen, so viel steht fest. Und dennoch finden wir als Einrichtung, dass es ungemein wichtig ist, auch diesen schwierigen und traurigen Themen den nötigen Raum zu geben und ihnen auf dem langen Weg von Akzeptanz und der Gestaltung eines neuen Lebens ohne anwesende Eltern immer wieder Unterstützung anzubieten. Manchmal können dies lange Gespräche sein, in denen die Jungen so viel erzählen können, wie sie möchten, in einem geschützten und vertraulichen Rahmen. Manchmal kann es auch der Zugang zum lang ersehnten Fußballverein oder Fitnesscenter sein, der die notwendige Ablenkung bringt und dabei hilft, negative Emotionen auf nicht-destruktive Weise entladen zu können. Manchmal hilft auch einfach ein gemeinsamer Spaziergang oder gnadenlos gegen die Betreuer*innen beim Billard oder Tisch-Kicker zu gewinnen um die Stimmung wieder zu heben und ihre Gedanken aus der „Spirale nach unten“ wieder in positivere Bahnen lenken zu können. Jeder Junge muss hierfür seinen eigenen individuellen Weg finden, um zu lernen mit seinem neuen Leben hier in Deutschland zurecht zu kommen. Und auch wenn die Eltern nicht anwesend sind, so sind die Jugendlichen natürlich dennoch nicht gänzlich unbegleitet. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind und der Einfluss, den Eltern auf ihre Kinder haben, auch wenn diese erwachsen werden, lassen sich nicht durch Landesgrenzen einschränken. Die Eltern der Jugendlichen, die wir betreuen, sind täglich da, auch wenn sie es physisch nicht sein können. Sie nehmen Einfluss auf das Leben ihrer weit entfernt lebenden Kinder in Skype-Gesprächen, durch die Erziehung, die sie ihrem Kind mitgegeben haben, durch die Werte, die sie ihnen vermittelt haben und letztlich die Erinnerungen , an die sich die Jugendlichen klammern.

Um einen realistischeren Einblick in die Gedanken eines unbegleiteten geflüchteten Jugendlichen zum Thema Eltern zu bekommen, folgen zum Abschluss hier nun die Worte eines Jungen, den ich einmal gefragt habe, ob er ein paar Sätze zu seinem momentanen Leben ohne seine Eltern in Deutschland und die Situation seiner Familie in seinem Heimatland formulieren möchte. Anerkennend möchte ich anmerken, dass er dies, nachdem er erst seit einigen Monaten in Deutschland ist, ganz alleine ohne Hilfe auf Deutsch wie folgt beschrieben hat:

“Also ich bin von Syrien nach Deutschland, nach Berlin gekommen allein ohne Familie. Das ist total schwierig. Habe ich viel gedacht: “Was kann ich ohne meine Mutter machen? Wie kann ich ohne meine Bruder spielen? Wie kann ich ohne meine Vater bleiben? Und mit wem? Mit die Deutschen?” Es gab viele Denken. Am Anfang war total schwierig, habe ich meine Familie groß vermisst und war total schwer, weil ich alleine bin und das ist neues Leben, neue Menschen, neue Straße und so weiter… Dann habe ich gedacht, warum ich alleine bin? Ich soll mit Deutschen versuchen zu reden. Vielleicht sind sie gut und meine Meinung ist falsch. Dann habe ich geredet mit Deutschen und dann gab es große überrascht: habe ich wie eine neue Familie bekommen und meine Meinung vorher war groß falsch. Die Deutschen sind sehr gut zu uns, sie haben große Herz und danach haben sie mir geholfen und ohne Familie habe ich es geschafft. Ich habe Freunde und ich habe eine Schule und ich habe eine gute Leben und ich habe eine gute Schwester. Ich bin stolz auf sie, sie ist deutsche Schwester. Ich mag sie sehr und dennoch habe ich meine Familie vermisst, aber geht bei mir schon besser. Das ist mein Leben…

Und mein Vater ist einfacher Mensch, er geht jeden Tag zur Arbeit und kommt so spät zurück und meine Mutter arbeitet nur zu Hause. Sie sind sehr toll und mein Bruder studiert gerade aber leider der Krieg hat schlecht gemacht, denn er kann nicht mehr studieren, denn die Schule ist geschlossen. Meine Familie haben sehr schwieriges Leben aber sie haben Geduld und mein Vater geht um 7:00 Uhr zur Arbeit und kommt um 20:00 Uhr zurück. Das ist schade er muss so arbeiten denn wir haben kein Geld und meine Mutter muss auch zu Hause arbeiten ohne Wasser ohne Strom. Aber sie ist starke Frau und sie schafft alles und meine Bruder kann nicht zur Schule gehen wegen der Krieg aber er arbeitet manchmal. Das ist schwierige Leben aber sie sind glücklich, sie haben nämlich Geduld und sie wissen schon: das Leben braucht Geduld.”

Danke für deine Worte und deinen Mut und dass wir dich auf deinem Weg ein kleines Stück begleiten dürfen.

Lara Nilamber-Surrey
Projektleiterin Jugendwohnen Kladow

Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ Januar/Februar 2017 mit dem Leitthema „Eltern“
Das ganze Magazin können Sie als eBook oder interaktives Pdf herunterladen, die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen des SzS, finden Sie in unseren Einrichtungen.

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